Fernweh, Heimweh und ganz viele schöne Momente
Unsere Schülerin Chiara Krümpel berichtet eindrucksvoll und voller Emotionen von ihrem aktuellen Auslandsjahr in den USA. Auch Chiaras Mutter Verena schildert ihre Perspektive auf die Erlebnisse in persönlichen Worten:
Chiaras Grüße aus den USA
Wenn alles gerade super läuft – Schule, Freunde, Freizeit – dann ist doch eigentlich das Letzte, was man machen will: gehen.
Es fühlt sich verrückt an. Man plant sein Leben hier, geht bald in die Oberstufe, und dann bekommt man dieses starke Gefühl, sein Leben neu sortieren zu wollen. Man will mehr erreichen, mehr erleben und mehr sehen. Fernweh ist nichts, das einfach geht. Es verfolgt dich. Du redest dir ein, dass die Zeit schlecht sei, dass du genug zu tun hast. Dass alle deine Freunde so weitermachen wie zuvor.
Und dann ist das Schwerste, zu entscheiden, auf wen du hörst – dein Herz oder darauf, was vernünftig ist. Die ersten Wochen ist alles normal, als wärst du auf einer Reise und würdest sehr bald zurückkommen. Wie im Sommerlager. Aber sobald die Schule in Deutschland wieder startet, alle deine Freunde in die nächste Klasse gehen und sich ein neues Leben aufbauen, dann wird es schwerer. Deine Familie macht weiter, deine kleine Schwester ist plötzlich nicht mehr so klein und wird bald 13 – ohne dich. Auch deine Eltern schlagen sich tapfer, aber tief im Inneren vermissen sie ihr Kind. Und auch wenn sie versuchen, es dir nicht zu zeigen, spürst du es, denn du vermisst sie auch. Und jedes Mal, wenn du mit ihnen redest, bekommst du einen Kloß im Hals, denn du weißt, du siehst sie erstmal nicht. Und es fühlt sich unfair an. Auch Freunde machen weiter, beginnen ihren Führerschein, haben Geburtstage, treffen sich.
Aber dann sind da die Abende mit Freunden, Parties auf Parkplätzen. Und die vielleicht fast schon alltäglichen Sachen, die sich so gut anfühlen. Mit der Gastfamilie Essen machen, dass deine Gastmutter dir was vom Supermarkt mitbringt, weil sie denkt, dass du es mögen könntest, deine erste Übernachtung bei Freunden und die ganzen Feiertage mit neuen Menschen, die dich sofort lieben. Das Gefühl, Leute wie dich zu finden, die kaum Englisch sprechen, und dann mit Händen und Füßen zu versuchen zu kommunizieren und zu merken, dass diese Menschen alles sind.
Während eines Austauschs merkt ihr, dass diese Welt so riesig ist, zu riesig, um das ganze Leben nur an einem Ort zu sein. Während dieses Jahr einige Hürden mit sich bringen wird und du aufhören willst, einfach nach Hause willst, merkst, wie alles an dir vorbeizieht, bringt es genauso viele schöne Momente mit sich. Ich könnte nicht dankbarer sein, nicht glücklicher, das machen zu dürfen, und hoffe, dass alle, die wollen, sowas erleben.
Ein Bericht von Chiara Krümpel
Verena Krümpels Sicht auf das Auslandsjahr ihrer Tochter Chiara
It’s not right, it’s not wrong, it’s just different
„Mama, ich möchte ein Auslandsjahr in den USA machen. Frau Thölken hat uns heute Infomaterial mitgegeben. Und ich möchte das unbedingt machen.“
Das war der Start für eine lange, aufregende und manchmal frustrierende Zeit. Vor etwa zwei Jahren hat es mit der Broschüre angefangen. Und wenn man ein Kind hat, das offen für Neues ist und Spaß an Englisch hat, wenn der Ehemann selbst für ein Jahr im Ausland war und jedes Mal davon schwärmt, und wenn man ganz ehrlich heute noch damit hadert, es nicht selbst gemacht zu haben, dann setzt man alles daran, dass zumindest der Teenager die Chance bekommt, die man sich selbst verwehrt hat.
Die erste Planung stand ziemlich schnell: mit dem „neuen“ G9 würde Chiara statt in die EF in eine Highschool in den USA gehen. Ziel: unbekannt. Genauer Zeitraum: unbekannt. Zumindest im Sommer 2024. Aber mit der Unterstützung des Veranstalters EF (Education First) hat sich ein echter Plan entwickelt. Wir wussten, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit Chiara überhaupt starten kann. Das fing an mit einem gewissen Notendurchschnitt (passt), Fragebögen über Hobbys, Interessen, Vorlieben oder Allergien (um auch eine passende Familie zu finden) und hörte mit jeder Menge Arztbesuchen um a) Gesundheits-Checks (auf englisch!) und b) Impfungen zu koordinieren und zum passenden Zeitpunkt fertig zu haben noch lange nicht auf. Danach folgten noch die Bewerbung um ein Visum, verbunden mit dem Besuch der US-amerikanischen Botschaft in Berlin, um selbiges Visum zu beantragen. Von EF gab es in der Zeit immer wieder Mails und Veranstaltungen, um über diese Herausforderung zu reden, Rückfragen zu stellen und auch ehemalige Teilnehmer kennen zu lernen, die (fast) nur Positives berichten konnten. All das hat uns aber nur darin bestätigt, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Und bis es soweit war… Das dauert ja noch. (Wenn man sich das oft genug sagt, dann glaubt man auch daran.)
Im Mai 2025 wurde es dann ernster. Eine Mail von EF:
Wir haben deine Gastfamilie gefunden!
Wohnhaft in einem Vorort von Huston/Texas. (Und ja, in dem Moment gehen einem alle Klischees durch den Kopf, die es gibt. Und die Cowboy-Stiefel waren so ziemlich das Erste, was Chiara gekauft hat.) Ein Ehepaar mit zwei jüngeren Söhnen. Hey, Chiara, du bekommst zwei Brüder statt einer Schwester. Und eine Mail-Adresse. Die erste nervöse Mail, bis dann auf einmal eine WhatsApp eintraf. Man unterhielt sich, lernte sich ein bisschen kennen. Kurz darauf gab es eine WhatsApp-Gruppe und einen ersten Video-Call. Um es kurz zu machen: Chiara hat eine supernette Gastfamilie gefunden, die genauso nervös und aufgeregt war, wie wir alle.
Der nächste Meilenstein: Das Abflugdatum. Am 23. Juli 2025. Zuerst nach New York, um andere Teilnehmer kennen zu lernen, und dann am 26. Juli weiter nach Houston. Der große Tag rückt immer näher. Und wir reden jetzt nicht davon, wie man ein Jahr seines Lebens in einen großen Koffer, Handgepäck und einen Rucksack steckt. Irgendwann kam dann die letzte Umarmung, mitten auf dem Düsseldorfer Flughafen, inmitten anderer Familien, die ihre Kinder auch für ein Jahr in fremder Leute Hände geben würden.
Zuerst ist es gar nicht so anders. Als wenn die Tochter im Ferienlager ist. Und es kommen regelmäßig kleine Updates auf WhatsApp. Hier ein Foto, da ein Text, dort eine Sprachnachricht. Und man ist froh, dass alles viel Spaß macht. Wenn dann noch ein bisschen mehr Zeit vergangen ist, dann kommt die Erkenntnis. Das ist nicht nur ein Urlaub. Mein (nicht mehr) kleines Mädchen ist für eine lange Zeit weg. Aber keine Sorge: man gewöhnt sich an den Gedanken. Vor allem, wenn man über die WhatsApp-Gruppe Fotos von Familien- und Freizeitveranstaltungen, Fotos und Videos von neuen Freunden und von den ganzen anderen, entweder ungewöhnlichen oder gleichen Sachen bekommt, die im neuen Zuhause auf einen gewartet haben. Und dann kann man als Elternteil akzeptieren, dass es Chiara auf der anderen Seite des Ozeans auch gut gehen wird. Dass ihre Schulnoten besser sind als gefordert (und sogar besser als zu Hause). Dass die Familie und Freunde zu Hause nicht vergessen werden. Man schafft es sogar, sich selbst zurückzuhalten und nicht alle zwei Tage nach einem Update zu fragen. Und auch wenn an Weihnachten ein Familienmitglied fehlt, wenn das Neue Jahr einen halben Tag später beginnt als hier, und wenn an ihrem Geburtstag das „Happy Birthday“ nur per Videocall gesungen wird.
Das alles ist es wert. Weil diese Zeit, dieses Jahr so viel Neues bringt. Weil so viel passiert, das einen jungen Menschen für sein ganzes Leben prägt. Neue Freundschaften, die vielleicht ein Leben lang halten. Und die Chance zu sagen: Das hab ich mich getraut. Und meine Familie hat mich dabei unterstützt. Und würde es immer wieder tun.
Und für diejenigen, die sich über die Überschrift gewundert haben: Dieser Satz („Es ist nicht richtig, es ist nicht falsch, es ist nur anders“) wurde uns von EF mit auf den Weg gegeben. Denn natürlich sind die USA anders als Deutschland. Und es geht dabei nicht um Politik oder Vorurteile. Es geht um neue Erfahrungen. Und die Bereitschaft, sich auf Anderes und Neues einzulassen.
Ein Beitrag von Verena Krümpel
Chiara grüßt uns nicht nur mit dem interessanten Beitrag, sondern auch mit einigen Bildern, die ihren aktuellen Alltag in den USA zeigen. Wir wünschen Chiara noch viele schöne Eindrücke, unvergessliche Erfahrungen und neue Kontakte in den USA! Wir freuen uns darauf, wenn du wieder am SGO zu sehen bist und sind auf deine Geschichten gespannt!