Ein ganzer Schultag im Zeichen der chilenischen Geschichte, Erinnerung und Demokratie

Am Freitag, den 2. Oktober 2026, stand am Städtischen Gymnasium Ochtrup ein besonderer Gast im Mittelpunkt: Die Journalistin und Autorin Isabel Lipthay berichtete in einem ganztägigen Gastvortrag von ihren persönlichen Erfahrungen während der chilenischen Militärdiktatur und gab Einblicke in die heutige Situation in Chile.

Gut vorbereitet gingen die 30 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe Q2 aus dem Spanisch-Grundkurs, dem Geschichte-Grundkurs und dem Geschichte-Leistungskurs in die Begegnung: Unter der Leitung von Frau Suárez, Herrn Pohlmann und Herrn Brockhoff hatten sie sich im Vorfeld intensiv und fachübergreifend mit der chilenischen Diktatur sowie ihren politischen und gesellschaftlichen Folgen auseinandergesetzt.

Geschichte wird persönlich

Isabel Lipthay wurde in Santiago de Chile geboren, verbrachte ihre Kindheit im Süden des Landes und studierte Journalismus und Gesang. Aufgrund der Militärdiktatur emigrierte sie 1983 in die Bundesrepublik Deutschland, wo sie bis heute lebt.

Ihre Biografie machte die historischen Ereignisse für die Schülerinnen und Schüler unmittelbar greifbar. Besonders eindrücklich war die Schilderung eines familiären Konflikts, der die politischen Gegensätze der chilenischen Gesellschaft unmittelbar widerspiegelte: Frau Lipthays Bruder stand auf der Seite des Militärregimes unter Augusto Pinochet und vertrat damit politisch eine völlig andere Ansicht als seine Schwester. Diese außergewöhnliche familiäre Konstellation beschäftigte die Schülerinnen und Schüler sehr. Zahlreiche Fragen richteten sich daher darauf, wie sich die unterschiedlichen politischen Überzeugungen auf das Verhältnis der Geschwister auswirkten und wie ein persönlicher Kontakt trotz dieser tiefen politischen Gegensätze möglich war.

Auch Musik und Literatur spielten während des Gastvortrags eine wichtige Rolle. Isabel Lipthay, die neben Journalismus auch Gesang studiert hat, verband ihre Erzählungen mit spanischen Liedern und Gedichten. Dadurch erhielt der historische Bericht eine persönliche und emotionale Ebene und eröffnete zugleich einen kulturellen Zugang zur chilenischen Geschichte und Gesellschaft.

Es entstand ein intensiver Dialog über politische Verfolgung, Exil, familiäre Konflikte, Demokratie sowie die gesellschaftliche Entwicklung in Chile und Deutschland.

Demokratie leben und Geschichte begreifbar machen

Die Veranstaltung steht im Zusammenhang mit dem schulischen Schwerpunkt „Demokratie leben“. Das Städtische Gymnasium Ochtrup lädt regelmäßig Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Referentinnen und Referenten ein, um Schülerinnen und Schüler unmittelbar mit Geschichte und ihren Folgen in Kontakt zu bringen. In den vergangenen Jahren waren unter anderem Überlebende des Holocausts sowie Zeitzeugen aus der DDR zu Gast.

Mit Isabel Lipthay wurde in diesem Jahr bewusst ein Blick auf Südamerika gerichtet. Die chilenische Geschichte erscheint vielen Jugendlichen zunächst weit entfernt – geografisch sowie inhaltlich. Die direkte Begegnung zeigte jedoch eindrucksvoll, dass Fragen nach Demokratie, Menschenrechten, politischer Verantwortung und dem Umgang mit Vergangenheit keine fernen Themen sind.

Gerade die persönlichen Einblicke, die offenen Fragen und der ungewöhnliche Blick auf eine Familie, die politisch auf unterschiedlichen Seiten stand, machten den Gastvortrag zu einer besonderen Erfahrung. Geschichte wurde an diesem Tag nicht nur vermittelt, sondern erzählt, hinterfragt, diskutiert und gemeinsam reflektiert.